Und keiner spricht mehr darüber...
Chronik
13. August 1961

Volkspolizisten
riegeln die Grenzen zum Sowjetsektor ab. Seit dem frühen Morgen wird
mitten in Berlin das Straßenpflaster aufgerissen, werden Asphaltstücke
und Pflastersteine zu Barrikaden aufgeschichtet, Betonpfähle eingerammt
und Stacheldrahtverhaue gezogen. Fassungslos stehen sich die
West-Berliner auf der einen, die Ost-Berliner und Bewohner des Umlandes
auf der anderen Seite an der Sektorengrenze gegenüber. Auf der Ostseite
halten Kampfgruppen und Volkspolizei die Umstehenden mit
Maschinengewehren in Schach, im von den West-Alliierten kontrollierten
West-Berlin schirmt die Polizei die Grenzanlagen vor den aufgeregten
Bürgern ab.
Das Straßenpflaster in der Friedrich-Ebert-Straße wird aufgerissen, um den Fahrzeugverkehr unmöglich zu machen.

Von
Samstag Mittag, 12.00 Uhr, bis Sonntag Nachmittag, 16.00 Uhr, melden
sich trotz der Absperrungsmaßnahmen noch 800 Flüchtlinge in West-Berlin.
Das "Journal der Handlung" der Ost-Berliner Volkspolizei dokumentiert
minutiös den Widerstand, die Wut und die Verzweiflung der Menschen vor
allem im Ostteil der Stadt und verzeichnet die Proteste
("Provokationen") im Westteil.

Um
9.15 Uhr leitet der Regierende Bürgermeister Willy Brandt eine
Sondersitzung des West-Berliner Senats. Parallel sind in der Alliierten
Stadt-Kommandatur in Berlin-Dahlem die westlichen Stadtkommandanten
zusammengekommen. Auf der Sondersitzung des Senats, an der auch der
Polizeipräsident teilnimmt, erstattet Innensenator Joachim Lipschitz
einen Lagebericht. Im Kommunique über die Sitzung heißt es: "Der Senat
von Berlin erhebt vor aller Welt Anklage gegen die widerrechtlichen und
unmenschlichen Maßnahmen der Spalter Deutschlands, der Bedrücker
Ost-Berlins und der Bedroher West-Berlins. Die Abriegelung der Zone und
des Sowjetsektors von West-Berlin bedeutet, dass mitten durch Berlin die
Sperrwand eines Konzentrationslagers gezogen wird. Senat und
Bevölkerung von Berlin erwarten, dass die Westmächte energische Schritte
bei der sowjetischen Regierung unternehmen werden."

In
Bonn ist Bundeskanzler Konrad Adenauer seit den frühen Morgenstunden
über die Abriegelungsmaßnahmen in Berlin informiert worden. Nach einer
Beratung mit Staatssekretär Hans Globke und dem Vorsitzenden der
CDU-Bundestagsfraktion, Heinrich Krone, gibt der Bundeskanzler gegenüber
einem RIAS-Rundfunkreporter am späten Nachmittag eine erste
Stellungnahme ab. Adenauer mahnt zur Besonnenheit: "Im Verein mit
unseren Alliierten werden die erforderlichen Gegenmaßnahmen getroffen.
Die Bundesregierung bittet alle Deutschen, auf diese Maßnahmen zu
vertrauen. Es ist das Gebot der Stunde, in Festigkeit, aber auch in Ruhe
der Herausforderung des Ostens zu begegnen und nichts zu unternehmen,
was die Lage nur erschweren, aber nicht verbessern kann."

In
Washington gibt Außenminister Dean Rusk am Abend eine mit Präsident
Kennedy abgestimmte Erklärung ab. Der Kernsatz lautet: "Vorliegende
Berichte deuten darauf hin, dass sich die bisher getroffenen Maßnahmen
gegen die Bewohner Ostberlins und Ostdeutschlands und nicht gegen die
Position der Alliierten in Westberlin oder den Zugang nach Westberlin
richten." Die Beschränkung des Verkehrs innerhalb Berlins stelle jedoch
eine Verletzung des Viermächteabkommens von 1949 dar und werde
Gegenstand eines energischen Protests "über angemessene Kanäle" sein.
Originalquelle:
http://www.chronik-der-mauer.de/index.php/de/Chronical/Detail/day/13/month/August/year/1961
Weitere Informationen zum Mauerbau finden Sie hier:
http://de.wikipedia.org/wiki/Berliner_Mauer
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